Was ein Cottbuser Stadtverordneter in China gelernt hat
Erik Rothe aus Cottbus ist einer der jüngsten Politiker Brandenburgs. Mit 24 Jahren sitzt er in der Stadtverordnetenversammlung und bringt frischen Wind in die lokale Politik. Doch bevor er dieses Amt antrat, zog es ihn weit weg von der Lausitz: für mehrere Monate nach China.
Vier Monate Shanghai – und ein neues Verständnis für das „Land der Mitte“
Nach seinem Bachelorabschluss ging Rothe im Herbst 2023 für ein Auslandssemester an die Fudan-Universität in Shanghai. Dort studierte er Internationale Politik mit Schwerpunkt chinesische Außenpolitik und lernte intensiv Mandarin. „China hat mich geprägt“, sagt er heute. „Man merkt dort im Alltag, wie anders Gesellschaft, Technologie und Arbeitswelt funktionieren.“
Sein Fazit nach der Rückkehr: In einigen Bereichen habe China Deutschland etwas voraus – besonders, wenn es um wahrgenommene Sicherheit, die Dynamik im KI-Sektor und die im Alltag sichtbare Einsatzbereitschaft vieler Menschen gehe.
Sicherheit im Alltag: Warum sich viele in China sehr sicher fühlen
Wer in Shanghai oder Beijing unterwegs ist, erlebt oft ein hohes Maß an subjektiver Sicherheit: belebte Straßen auch spät abends, wenig sichtbare Konflikte im öffentlichen Raum, ein starkes Gefühl von Ordnung. Internationale Umfragen bestätigen diesen Eindruck: Chinas Kriminalitäts-Index liegt deutlich unter dem Deutschlands, der Sicherheits-Index entsprechend höher.
Rothe betont jedoch: „Das heißt nicht, dass es keine Kriminalität gibt. Aber im Alltag nimmt man sie anders wahr.“ In China werden viele Delikte anders erfasst und kommuniziert; die Transparenz ist begrenzt. Dennoch: Für Reisende und Expats wirkt das öffentliche Leben in vielen Großstädten überraschend entspannt und sicher.
KI als Motor: Wie China die Technologie-Offensive fährt
Besonders beeindruckt hat Rothe die Geschwindigkeit, mit der Künstliche Intelligenz in China voranschreitet. 2025 lag der Umfang der chinesischen KI-Kernindustrie bei über 1,2 Billionen Yuan – mehr als 170 Milliarden US-Dollar. Über 6.000 Unternehmen arbeiten im KI-Sektor, mehr als 600 Millionen Menschen nutzten Ende 2025 generative KI-Anwendungen.
„In China wird KI nicht nur diskutiert, sondern massiv eingesetzt – in der Industrie, im Dienstleistungssektor, im Alltag“, so Rothe. Das Land führe bei der Zahl veröffentlichter KI-Modelle und Patente und investiere gezielt in KI-Cluster und Infrastruktur. Für Deutschland und Europa sei das eine klare Ansage: „Wer hier den Anschluss halten will, muss schneller werden – ohne dabei ethische Standards zu vernachlässigen.“
Arbeitswelt: Zwischen Hochleistung und Überlastung
Ein dritter Punkt, den Rothe nennt, ist die Arbeitsmoral – oder genauer: die im Alltag sichtbare Einsatzbereitschaft vieler Chinesinnen und Chinesen. In Teilen der Wirtschaft, besonders in der Tech-Branche, seien lange Arbeitszeiten und hohe Leistungsanforderungen normal. „Man spürt dort einen enormen Drive“, sagt er.
Gleichzeitig warnt er vor romantisierenden Vorstellungen: Diese „Moral“ gehe oft mit hoher Belastung, wenig Freizeit und einem starken Konkurrenzdruck einher. In Deutschland seien Arbeitszeiten kürzer, Arbeitnehmerrechte stärker – was manche als weniger ambitioniert missdeuteten, andere als nachhaltigere Arbeitskultur schätzten.
Zurück in Cottbus – mit neuen Perspektiven
Heute sitzt Erik Rothe als Stadtverordneter im Cottbuser Stadthaus und bringt seine internationalen Erfahrungen in die lokale Politik ein. „China hat mir gezeigt, wie schnell sich Gesellschaften verändern können – und wie wichtig es ist, offen zu bleiben für neue Ideen.“
Für Cottbus wünscht er sich mehr Mut zur Innovation, eine stärkere Vernetzung mit internationalen Partnern und eine Politik, die junge Menschen ernst nimmt. „Die Lausitz hat Potenzial. Wir müssen es nur nutzen.“
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