
Merzdorf
Vom Dorf am Tagebaurand zum Stadtteil am See
Merzdorf – niedersorbisch Žylowk – ist ein Ortsteil der Stadt Cottbus, der eine bemerkenswerte Wandlung durchlebt. Am östlichen Rand der Stadt gelegen, erhält der Stadtteil durch den entstehenden Cottbuser Ostsee eine völlig neue Bedeutung und entwickelt sich zunehmend zu einem attraktiven Naherholungsziel.
Lage und Geschichte
Eingebettet in eine reizvolle Landschaft aus Wäldern, Wiesen und Spreeauen leben heute etwa 1.100 Menschen in der Ansiedlung, die ihre erste urkundliche Erwähnung im Jahr 1411 fand. Über die Jahrhunderte prägten Landwirtschaft und die Nähe zu Cottbus den Ort, dessen Einwohnerzahl mit der einsetzenden Industrialisierung in der Region stetig wuchs.
Die politische Zugehörigkeit Merzdorfs war mehreren Wechseln unterworfen. Am 1. Januar 1974 wurde das Dorf nach Dissenchen eingemeindet, ehe es am 31. Dezember 1988 wieder eine eigenständige Gemeinde wurde. Nach der Wiedervereinigung und im Zuge der Bestrebungen, Cottbus den Großstadtstatus zu erhalten, erfolgte am 6. Dezember 1993 schließlich die Eingemeindung als Stadtteil von Cottbus.
Wandel durch den Braunkohletagebau
Ein einschneidendes Kapitel der Ortsgeschichte begann in den späten 1970er-Jahren mit dem Braunkohletagebau Cottbus-Nord, der die nordöstliche Umgebung Merzdorfs prägte. 1984 wurden mehrere Gehöfte einer knapp zwei Kilometer nordöstlich gelegenen Ausbausiedlung devastiert, 16 Einwohner mussten umgesiedelt werden. Der Tagebau rückte bis auf etwa 200 Meter an den Ortsrand heran, ehe er im Dezember 2015 eingestellt wurde. Seit 2019 wird das Restloch geflutet, wodurch der Cottbuser Ostsee entsteht – mit 1.900 Hektar künftig der größte See Brandenburgs.
Leben im Stadtteil
Die Grundlage des kulturellen Lebens in Merzdorf wird bereits heute durch Kitas, Vereine, Gastronomie und einen Sportplatz gebildet. Der Stadtteil hat sein eigenes Feuerwehrgebäude von 1937 und das alte Bahnhofsempfangsgebäude von 1912, das mit der Gleisverlegung der Strecke Cottbus–Guben stillgelegt wurde. Der Bahnbetrieb wurde am 18. September 2002 eingestellt.
Der Aussichtsturm – Ein Magnet für Besucher
Ein besonderes Highlight, das Merzdorf heute schon zu einem viel besuchten Ausflugsziel macht, ist der Aussichtsturm am künftigen Cottbuser Ostsee. Der 34 Meter hohe Turm steht am westlichen Rand des ehemaligen Tagebaus und bietet über 173 Stufen eine 31 Meter hoch gelegene Aussichtsplattform, die einen atemberaubenden Blick auf die sich ausdehnende Wasserfläche und die umliegende Landschaft ermöglicht. Der Turm wurde 2006 errichtet und ist ganzjährig bei freiem Eintritt zugänglich. Er ist der ideale Ausgangspunkt für Wanderungen und Radtouren rund um den Ostsee.
Die Kriegsgräberstätte – Ein stiller Ort der Erinnerung
Eine weitere, sehr bewegende Sehenswürdigkeit ist die Kriegsgräberstätte Merzdorf. Sie befindet sich im Industriegebiet, versteckt hinter dem Grundstück Nr. 23 an der Straße „Am Gleis“. Alteingesessene Einwohner nennen das Areal oft den „Alten Russenfriedhof“, denn hier befand sich während des Ersten Weltkriegs das Kriegsgefangenenlager Merzdorf mit zugehörigem Friedhof.
Das Lager, das zeitweise bis zu 10.000 Gefangene beherbergte, war ein Ort des Leidens. Bis Ende April 1920 wurden auf diesem Friedhof nachweislich 563 Kriegsgefangene beerdigt, die größtenteils aus dem Königreich England und seinen Kolonien, aber auch aus Italien, Frankreich und Russland stammten. Etwa 400 von ihnen fielen einem 1914/1915 ausgebrochenen Fleckfieber in Cottbus zum Opfer. Unter den widrigen hygienischen Bedingungen des Lagers wurden sie hier beigesetzt.
Nach 1920 wurde der Friedhof von der Stadt weitgehend dem Verfall überlassen. Erst im Jahr 2009 wurde das Areal restauriert und das Denkmal am Volkstrauertag, dem 15. November 2009, offiziell eingeweiht. Heute ist der Ort eine Gedenkstätte, die an die Schicksale der Kriegsgefangenen erinnert und zur Besinnung einlädt.
Zukunftsperspektiven
Mit der fortschreitenden Flutung des Cottbuser Ostsees wird Merzdorf weiter an Bedeutung gewinnen. Die Verbindungsachse zwischen der Cottbuser Innenstadt und dem See wird künftig den Stadtteil noch stärker in die touristische und städtische Infrastruktur einbinden. So verbindet der Ortsteil auf einzigartige Weise seine historische Identität mit der Gestaltung einer neuen, wassergeprägten Zukunft.
