
Lakoma
Ein verschwundenes Dorf bei Cottbus
Lakoma war ein kleines Dorf im heutigen Brandenburg, das einst sechs Kilometer nordöstlich der Cottbuser Innenstadt lag. Heute ist es nicht mehr als ein Teil der Cottbuser Ostsee, der aus dem gefluteten Tagebau Cottbus-Nord entsteht. Der Name stammt aus dem Niedersorbischen und bedeutet so viel wie „schmackhaft“ – eine Erinnerung an die slawischen Wurzeln dieser Gegend.
Die Besiedlung reicht weit zurück: Erstmals urkundlich erwähnt wurde Lakoma im Jahr 1337 im Zusammenhang mit der „Alten Poststraße“, einem damals bedeutenden Handelsweg und späteren Postweg. Das Dorf lag in einer wasserreichen Landschaft, die von Teichen und Gräben durchzogen war. Im 15. Jahrhundert legten Franziskaner hier Fischteiche und den kulturhistorisch wertvollen Hammergraben an. Bei diesen Arbeiten stieß man auf Raseneisenstein, der ab 1551 im Hammerwerk bei Peitz verarbeitet wurde – eine frühe Industriegeschichte inmitten der ländlichen Idylle.
Die Einwohnerzahl schwankte über die Jahrhunderte: 1850 zählte man 88 Menschen, 1945 etwa 200 und 1964 noch 180. Bemerkenswert ist, dass 1850 alle Bewohner Sorben waren, und noch 1963 sprachen rund 63 Prozent Niedersorbisch. Die sorbische Kultur war hier bis in die Nachkriegszeit lebendig.
Der Niedergang beginnt
Der Dreißigjährige Krieg traf Lakoma hart – 1626, 1631 und 1640 mussten die Bewohner Truppeneinquartierungen, Plünderungen und Hunger ertragen. Doch das eigentliche Ende kam erst im 20. Jahrhundert, als der Braunkohle-Tagebau immer näher rückte. 1968 wurde die Teichlandschaft um Lakoma zwar noch als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen, doch die industriellen Interessen wogen schwerer.
1983 erfuhren die damals etwa 150 Bewohner, dass ihr Dorf der Kohle weichen sollte. Schon vor der Wende wurden trotz Protesten erste Höfe abgerissen, ein Großteil der Bevölkerung umgesiedelt. Lakoma verwandelte sich in eine Geisterstadt – Häuser standen leer, die Gemeinschaft zerbrach.
Der Kampf um den Erhalt
1992 besetzten Abiturienten und Umweltaktivisten die verwaisten Gebäude, ein Jahr später gründete sich der Verein „Lacoma e.V.“ Dieser kämpfte für eine legale Nutzung der Gebäude und erhielt von der Stadt Cottbus befristete Zwischennutzungsverträge bis 2003. Zeitweise lebten mehr als zwanzig Menschen in Lakoma, darunter auch der Bewohner eines „wandernden Hauses“, das in sorbischer Holzbau-Tradition errichtet worden war und mehrfach auf dem Dorfgelände umziehen musste.
Doch der Energiekonzern Vattenfall, der den Tagebau betrieb, ließ Ende 2003 das Dorf räumen – mit Polizeigewalt. Bis 2005 wurden fast alle Gebäude abgerissen, nur zwei Häuser am Ortseingang blieben stehen. Das sensible Feuchtgebiet mit seinen Teichen wurde entwässert, um die Kohleförderung vorzubereiten.
Die Lakomaer Teiche waren 2003 als Fauna-Flora-Habitat an die EU gemeldet worden – ein Schutzgebiet für über 170 bedrohte Arten, darunter der seltene Eremitenkäfer, die Rotbauchunke mit einer der größten Populationen Brandenburgs, Wiedehopf, Rohrdommel und Fischotter. Umweltschützer von Robin Wood besetzten das Gelände, um die Zerstörung zu verhindern. Doch das Eilverfahren gegen die Abbaggerung scheiterte, die Besetzung wurde am 28. September 2007 von Sicherheitskräften und der Polizei gewaltsam beendet – unmittelbar danach begann die Abholzung des FFH-Gebietes.
Die Auseinandersetzungen fanden breite mediale Aufmerksamkeit: Ein zweistündiger Dokumentarfilm „Lacoma und der Konzern“ entstand 2004, zahlreiche Beiträge von rbb und überregionalen Zeitungen begleiteten den Konflikt.
Das endgültige Aus
2008 verschwanden Dorf und Teichlandschaft vollständig von der Landkarte. 2009 stand der Bagger an der Ortsgrenze, im Frühjahr 2010 erreichte der Tagebau den Ortskern. Bis Ende 2015 wurde Braunkohle gefördert.
Doch nun wendet sich das Blatt. Der Tagebau wird geflutet, der künftige Cottbuser Ostsee wird die ehemalige Ortschaft Lakoma für immer unter Wasser nehmen – als stilles Denkmal einer untergegangenen Welt. Die Alte Poststraße, einst wichtige Handelsroute, ist seit 2009 für die Öffentlichkeit gesperrt. Private Führungen und Gedenkwanderungen fanden noch bis 2008 statt – heute erinnert nur noch der Name an das Dorf, das einer energiepolitischen Entscheidung weichen musste.
Lakoma steht exemplarisch für den Wandel der Lausitz – von einer jahrhundertealten Siedlungslandschaft über die Ära der Braunkohle hin zum neuen, vom Wasser geprägten Erholungsraum.
