Willmersdorf

Zwischen Kohle, Kirche und Seenland: Das Cottbuser Dorf Willmersdorf und seine bewegte Geschichte

Wer den nordöstlichen Stadtrand von Cottbus erkundet, stößt auf einen Ortsteil, der wie kaum ein anderer den Wandel der Lausitz widerspiegelt: Willmersdorf (niedersorbisch Rogozno). Gelegen an der Bundesstraße 168 in Richtung Beeskow, blickt das charmante Dorf nicht nur auf eine jahrhundertealte Geschichte zurück, sondern steht heute an der Schwelle zu einer völlig neuen Ära als direkter Seen-Anrainer.

Ein Name mit Geschichte und sorbischen Wurzeln

Die Geschichte von Willmersdorf begann offiziell im Jahr 1449, als das Dorf erstmals als „Wilmerstorff“ urkundlich erwähnt wurde – benannt nach einem deutschen Siedler namens Wilmar. Politisch hatte der Ort über Jahrhunderte eine Sonderstellung inne: Als Teil der Herrschaft Cottbus bildete er eine brandenburgische Exklave inmitten der sächsischen Lausitz. Nach dem Wiener Kongress und der Neuordnung Preußens im Jahr 1816 wurde Willmersdorf fest in den Landkreis Cottbus innerhalb des Regierungsbezirks Frankfurt (Oder) integriert.

Doch die wahre Seele des Dorfes ist tief im Sorbischen verwurzelt. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein war die Region sorbischsprachig geprägt. Der renommierte Statistiker Arnošt Muka gezählte in den 1880er Jahren 316 Einwohner – und alle von ihnen waren Sorben. Selbst im Jahr 1956, als die Industrialisierung die Lausitz bereits grundlegend veränderte, ermittelte der Forscher Ernst Tschernik noch immer einen sorbischsprachigen Bevölkerungsanteil von stolzen 70 Prozent.

Das Opfer an den Tagebau: Das Schicksal von Lakoma

Die jüngere Geschichte des Ortes ist untrennbar mit der Braunkohle verbunden. Der direkt östlich an das Dorf grenzende Tagebau Cottbus-Nord forderte schmerzhafte Opfer. Das schmerzhafteste war der benachbarte Ortsteil Lakoma.

Im Jahr 1974 war Lakoma nach Willmersdorf eingemeindet worden. Nach der politischen Wende und der brandenburgischen Kreisreform am 6. Dezember 1993 verlor Willmersdorf seine Eigenständigkeit und wurde zu einem Ortsteil von Cottbus; Lakoma wurde zeitgleich zum Wohnplatz herabgestuft. Zu dieser Zeit sprach man oft von der Doppelgemeinde „Willmersdorf-Lakoma“. Doch die Bagger rückten unaufhaltsam näher: Nach einer ersten Teil-Devastierung im Jahr 1989 wurde Lakoma bis zum Jahr 2008 vollständig abgebaggert.

Auch die Infrastruktur musste weichen. Die historische Trasse der Bahnstrecke Cottbus–Guben, die einst westlich am Dorf vorbeiführte, wurde im Jahr 2002 zugunsten des Tagebaus aufgegeben. Komplett abgeschnitten ist das Dorf heute aber nicht: Die Strecke wurde erfolgreich nach Westen verlegt, sodass Willmersdorf über den veränderten Haltepunkt weiterhin an das regionale Bahnnetz angebunden bleibt.

Ein architektonisches Kleinod: Die Dorfkirche

Trotz der industriellen Umbrüche hat sich Willmersdorf seinen historischen Kern bewahrt. Das unumstrittene Herzstück und die wichtigste Sehenswürdigkeit des Ortes ist die unter Denkmalschutz stehende Dorfkirche.

Im Gegensatz zu vielen jahrhundertealten Feldsteinkirchen der Region handelt es sich hierbei um einen faszinierenden Neubau aus dem Jahr 1938. Errichtet nach den Plänen des Cottbuser Architekten Hans Palm, fasziniert das Gotteshaus durch seine Bauweise aus markanten Großräschener Klinkern und feinem Fachwerk. Wer die Kirche betritt, entdeckt ein weiteres historisches Juwel: Die Orgel aus dem Eröffnungsjahr stammt aus der Werkstatt des berühmten Orgelbauers Gustav Heinze aus Sorau. Mit ihren expressionistischen Stilelementen an Türen und Fenstern sowie dem stimmungsvollen Tonnengewölbe ist die Kirche, die heute zur Klosterkirchengemeinde Cottbus gehört, ein echtes Highlight für Architektur- und Kulturliebhaber – und obendrein eine offizielle Radwegekirche.

Blick in die Zukunft: Das neue Leben am Ostsee

Heute hat sich das Bild rund um Willmersdorf radikal gewandelt. Wo noch vor wenigen Jahren die gigantischen Förderbrücken des Tagebaus Cottbus-Nord die Landschaft dominierten, erstreckt sich heute der Cottbuser Ostsee.

Nach dem Ende der Kohleförderung im Jahr 2015 und dem anschließenden, jahrelangen Flutungsprozess ist aus dem einstigen Loch der größte künstliche See Deutschlands entstanden. Willmersdorf hat sich damit vom staubigen Tagebaurand zum attraktiven, grünen Direktanrainer eines riesigen Naherholungsgebietes gewandelt. Die sorbische Geschichte, das architektonische Erbe und die neue maritime Zukunft machen den Cottbuser Ortsteil zu einem faszinierenden Ort des Wandels in der Lausitz.

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