Cottbuser Ostsee als Wasserspeicher: Chance mit engen Grenzen
Kann der Cottbuser Ostsee künftig helfen, die Spree und den Spreewald in Trockenzeiten zu stützen? Die Idee klingt naheliegend, ist aber technisch, rechtlich und ökologisch anspruchsvoller, als es zunächst scheint.
Ein junger See mit noch offener Bilanz
Der Ostsee entstand ab April 2019 auf der Fläche des ehemaligen Tagebaus Cottbus-Nord und wurde überwiegend mit Spreewasser geflutet. Am 23. Dezember 2024 erreichte er erstmals seinen Zielwasserstand von 62,5 Metern über Normalnull (NHN) – mit rund 19 Quadratkilometern Fläche der größte künstlich angelegte See Deutschlands.
Wichtig für die Speicher-Debatte: „Ziel erreicht“ heißt nicht „fertig“. Nach LEAG-Angaben fehlen noch rund 50 Millionen Kubikmeter, um die Porenräume im Untergrund vollständig zu sättigen, und der Pegel schwankt je nach Jahreszeit durch Verdunstung. Der See ist also weiterhin eine „Landschaftsbaustelle“ – kein statischer, jederzeit abrufbarer Vorrat.
Speicher heißt: verschieben, nicht vermehren
Ein Speicher erzeugt kein neues Wasser, er verlagert vorhandenes zeitlich: aufnehmen in nassen Phasen, kontrolliert abgeben in trockenen. Genau hier liegt die potenzielle Rolle des Ostsees für den Spreewald, dessen Fließe, Feuchtwiesen, Landwirtschaft und Tourismus auf stabile Wasserstände angewiesen sind. Der Nutzen entsteht aber nur, wenn eine Abgabe die Spree tatsächlich zusätzlich stützt – und nicht an anderer Stelle im System zu neuen ökologischen Verlusten führt.
Die Lage ist bereits jetzt angespannt
Wie ernst das Problem ist, zeigt der Sommer 2026: Am Pegel Leibsch (Unterpegel) unterschritt der Abfluss den erforderlichen Mindestwert von 4,5 Kubikmetern pro Sekunde bereits seit Ende Mai dauerhaft und fiel bis Mitte August auf nur noch 1,4 Kubikmeter pro Sekunde. Das Land Brandenburg rief daraufhin Phase 2 seines Niedrigwasserbewirtschaftungskonzepts aus: weniger Ausleitungen aus der Spree, vorbereitete Entnahmebeschränkungen und die gezielte Schließung einzelner Schleusen im Unterspreewald (u. a. Krausnicker Strom, Groß Wasserburg, Beginn des Dahme-Umflut-Kanals), um den Abfluss auf 2,0 bis 2,5 Kubikmeter pro Sekunde zu stabilisieren.
Das zeigt das Grundproblem: Gerade wenn Wasser dringend gebraucht wird, sind die Reserven im gesamten System knapp. Der Ostsee kann deshalb kein dauerhaftes Gegenmittel gegen Trockenheit sein, sondern höchstens ein Baustein im Gesamtsystem.
Die strukturelle Ursache: das Erbe des Braunkohleabbaus
Die Wasserknappheit in der Lausitz ist kein reines Wetterphänomen. Über Jahrzehnte wurden für den sicheren Tagebaubetrieb rund 60 Milliarden Kubikmeter Grundwasser abgepumpt und in Flüsse wie die Spree eingeleitet – dieses „Sümpfungswasser“ stützte die Abflüsse künstlich. Mit dem schrittweisen Ende des Braunkohleabbaus fällt diese Stützung weg, während sich das abgesenkte Grundwasser erst über Jahrzehnte wieder auffüllt. Das Umweltbundesamt warnt, dass die Spree dadurch in trockenen Sommern örtlich bis zu 75 Prozent weniger Wasser führen könnte – mit spürbaren Folgen für Spreewald, Seen, Kanäle und selbst die Trinkwasserversorgung bis nach Berlin. Ein stabiler Landschaftswasserhaushalt ist erst zu erwarten, wenn dieses Grundwasserdefizit ausgeglichen ist.
Offene Fragen vor einer echten Nutzung
Bevor der Ostsee gezielt als Speicher dienen kann, müssten unter anderem geklärt werden:
- Wasserbilanz: Wie viel lässt sich speichern und abgeben, ohne Wasserstand, Uferstabilität oder ökologische Entwicklung zu gefährden?
- Herkunft: Wird nur vorhandenes Spreewasser zeitlich verschoben, oder gibt es zusätzliche Quellen?
- Technik & Recht: Für eine gesteuerte Abgabe braucht es Bauwerke, Leitungen, Messstellen und wasserrechtliche Genehmigungen.
- Wasserqualität: Abgegebenes Wasser muss Gewässer- und Naturschutzstandards erfüllen.
- Prioritäten in der Trockenheit: Politisch zu klären, wie Trinkwasser, Flussökologie, Landwirtschaft, Industrie, Bergbaufolgen und Tourismus gegeneinander abgewogen werden.
Zielkonflikt mit dem Tourismus
Der Ostsee soll zugleich Erholungsraum und Wirtschaftsfaktor sein. Starke Pegelschwankungen könnten Strände, Häfen und Uferökologie beeinträchtigen. Sinnvoll wäre daher ein fester Mindestwasserstand, oberhalb dessen nur im Ausnahmefall und nach klaren ökologischen Regeln Wasser zur Stützung der Spree abgegeben wird. So bliebe der See in erster Linie Landschaftsprojekt – und könnte trotzdem begrenzt zur Dürrevorsorge beitragen.
Fazit: Der Cottbuser Ostsee ist kein unbegrenztes Wasserreservoir für den Spreewald, sondern bestenfalls ein Baustein einer größeren Strategie – neben Wassersparen, Grundwasserschutz und einem an die neue Realität nach dem Kohleausstieg angepassten Umgang mit der Spree.
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