Wie Wissenschaft den Kohleausstieg in der Lausitz begleiten soll
Die Lausitz steckt mitten im Umbruch: Aus einer Region, die jahrzehntelang von der Braunkohle geprägt war, soll ein neuer Wirtschafts- und Lebensraum entstehen. Damit dieser Wandel gelingt, hat die Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg (BTU) ein neues Forschungszentrum gegründet: das Zentrum für Strukturwandel und Regionalentwicklung, kurz ZeStuR. Es ist am 11. September 2026 mit einer Auftaktveranstaltung offiziell gestartet.
Strukturwandel ist mehr als Wirtschaftspolitik
Der Kohleausstieg betrifft nicht nur Arbeitsplätze und Unternehmen. Er verändert auch Lebensentwürfe, kommunale Planung, regionale Identität und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Genau hier setzt ZeStuR an: Statt nur technische oder ökonomische Fragen zu betrachten, nimmt das Zentrum den gesamten sozialen Transformationsprozess in den Blick.
Rund 30 bis 40 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus sieben sozial-, wirtschafts- und planungswissenschaftlichen Fachgebieten der BTU arbeiten dafür zusammen – koordiniert von Prof. Dr. Jan Schnellenbach (Volkswirtschaftslehre) gemeinsam mit Prof. Dr.-Ing. Silke Weidner (Stadtmanagement). Gefördert wird das Vorhaben bis Ende Oktober 2030 mit rund 18,2 Millionen Euro vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt im Rahmen des Strukturstärkungsgesetzes Kohleregionen.
Fünf Themenfelder stehen im Mittelpunkt:
- regionale Innovationssysteme und neue wirtschaftliche Perspektiven
- Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt
- sozialer Zusammenhalt und politische Teilhabe
- die Entwicklung von Städten, Gemeinden und Lebensräumen
- Konflikte rund um Demokratie, Migration und gesellschaftlichen Wandel
Zentrumssprecher Jan Schnellenbach bringt das Grundproblem auf den Punkt: Strukturwandel wird in betroffenen Regionen häufig als Unsicherheit erlebt. Vor allem wenn Veränderungsprozesse lange dauern und sich wiederholen, entsteht eine Art Transformationsmüdigkeit, die sich politisch als Widerstand äußern kann. Genau diese Spannung zwischen großen Versprechen und skeptischen Alltagserfahrungen will ZeStuR verstehen – und Wege aufzeigen, wie Wandel trotzdem gelingen kann.
Nutzen für Kommunen
Städte, Gemeinden und Landkreise setzen den Strukturwandel praktisch um: Sie entscheiden über die Nutzung ehemaliger Tagebau- und Industrieflächen, neue Wohn- und Gewerbegebiete, Verkehrsanbindungen, Bildungsangebote und Beteiligungsformate. Wissenschaftliche Unterstützung ist für sie deshalb besonders wertvoll.
ZeStuR will seine Ergebnisse nicht nur in Fachpublikationen veröffentlichen, sondern über eine eigene Transferplattform auch für Kommunen, Verwaltungen, Initiativen und weitere regionale Akteure zugänglich machen. Im Zentrum stehen praktische Fragen: Welche Projekte stärken eine Region dauerhaft? Wie lassen sich Bürgerinnen und Bürger frühzeitig einbinden? Und wie entstehen neue Arbeitsplätze, ohne bestehende soziale Probleme zu verschärfen?
Beteiligung als Erfolgsfaktor
Investitionen allein entscheiden nicht über den Erfolg des Wandels. Die Menschen vor Ort müssen die Veränderungen nachvollziehen können und Gelegenheit haben, mitzuwirken. Dafür wird ein Lausitzer Transformationsrat aufgebaut, in dem Vertreterinnen und Vertreter aus Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Kultur, Bildung, Verwaltung/Lokalpolitik und Wissenschaft die Arbeit des Zentrums begleiten. Ergänzt wird das durch regelmäßige öffentliche Veranstaltungen.
Das ist wichtig, weil Strukturwandel Gewinner und Verlierer hervorbringen kann. Neue Forschungs- und Technologieprojekte schaffen Chancen, ersetzen aber nicht automatisch bisherige Arbeitsplätze oder gewachsene soziale Strukturen. Eine tragfähige Entwicklung muss wirtschaftliche Perspektiven deshalb mit demokratischer Beteiligung, verlässlicher Daseinsvorsorge und einem lebenswerten Umfeld verbinden.
Wissenschaft als Unterstützung, nicht als Ersatz
ZeStuR kann den Strukturwandel nicht selbst steuern und keine kommunalen Entscheidungen ersetzen. Das Zentrum kann aber Daten auswerten, Entwicklungen vergleichen und zeigen, welche Maßnahmen tatsächlich wirken. BTU-Präsidentin Prof. Gesine Grande sieht darin eine sinnvolle Ergänzung zur bisherigen technisch-ingenieurwissenschaftlichen Strukturwandelforschung der Universität – die Lausitz werde dadurch besonders eng wissenschaftlich begleitet, und die gewonnenen Erkenntnisse sollen auch anderen Regionen im Wandel nützen.
Ob aus dem Ende der Braunkohle eine tragfähige Zukunft wird, hängt nicht allein von neuen Unternehmen und Fördermitteln ab. Entscheidend ist auch, ob die Menschen in der Lausitz den Wandel mitgestalten können und sich weiterhin zugehörig fühlen. ZeStuR soll dafür wissenschaftliche Grundlagen liefern und den Austausch zwischen Forschung, Politik, Verwaltung und Bevölkerung stärken.
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