Cottbuser Straßen in der Krise?!
Warum der Sanierungsstau größer ist, als viele denken
Wer derzeit durch Cottbus fährt, begegnet nahezu überall Baustellen: Vollsperrungen, Umleitungen und Baustellenampeln gehören inzwischen zum Alltag. Schnell entsteht der Eindruck, die Stadt investiere massiv in ihre Straßen. Doch dieser Eindruck täuscht. Trotz zahlreicher Baumaßnahmen wächst der Sanierungsbedarf schneller, als er abgearbeitet werden kann.
Ein Blick in den aktuellen Straßenzustandsbericht der Stadt zeigt, dass Cottbus vor einer langfristigen infrastrukturellen Herausforderung steht – allerdings lohnt sich eine differenzierte Betrachtung der Zahlen.
Viele Baustellen – aber kein Zeichen für einen sinkenden Sanierungsstau
Mitte Juli waren laut Baustellenportal der Stadt gleichzeitig 13 Vollsperrungen sowie mehrere größere halbseitige Sperrungen wichtiger Verkehrsachsen eingerichtet.
Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass der Sanierungsstau kleiner wird. Viele Maßnahmen betreffen:
- den Neubau von Leitungen (Wasser, Abwasser, Fernwärme, Strom oder Glasfaser),
- notwendige Erhaltungsmaßnahmen,
- oder bereits seit Jahren geplante Einzelprojekte.
Zudem werden Straßen häufig mehrfach geöffnet, wenn verschiedene Versorgungsträger ihre Arbeiten zeitlich nicht optimal koordinieren können. Sichtbare Baustellen sind deshalb kein verlässlicher Indikator dafür, wie stark der tatsächliche Investitionsrückstand sinkt.
Wie schlecht sind Cottbus‘ Straßen wirklich?
Das öffentliche Straßennetz der Stadt umfasst über 500 Kilometer Straßen sowie zusätzlich rund 400 Kilometer Geh- und Radwege.
Der Straßenzustandsbericht 2024 bewertet diese Infrastruktur wie folgt:
- 36,8 % befinden sich in einem guten oder sehr guten Zustand.
- 48,2 % werden als befriedigend eingestuft.
- 14,9 % gelten als schlecht oder sehr schlecht.
Auf den ersten Blick könnte man daraus schließen, dass fast die Hälfte der Straßen noch problemlos nutzbar ist. Ganz so einfach ist es jedoch nicht.
Was bedeutet „befriedigend“?
Der Begriff wird häufig missverstanden.
Eine Straße mit der Bewertung „befriedigend“ ist keineswegs problemlos. Sie weist bereits erkennbare Schäden auf, beispielsweise:
- Risse im Asphalt,
- erste Verformungen,
- Flickstellen,
- oder beginnende Schäden an Entwässerung und Randbereichen.
Diese Straßen funktionieren heute noch zuverlässig. Werden notwendige Erhaltungsmaßnahmen jedoch verschoben, verschlechtert sich ihr Zustand häufig innerhalb weniger Jahre deutlich.
Gerade deshalb sprechen Straßenbauingenieure häufig vom Grundsatz:
Erhalten ist deutlich günstiger als später komplett sanieren.
Eine rechtzeitige Oberflächensanierung kostet oftmals nur einen Bruchteil einer später notwendigen grundhaften Erneuerung.
Der Begriff „dringender Handlungsbedarf“ ist erklärungsbedürftig
Im Bericht wird erwähnt, dass für mehr als 63 Prozent der Straßen dringender Handlungsbedarf besteht.
Diese Formulierung kann leicht missverstanden werden.
Sie bedeutet nicht, dass zwei Drittel aller Straßen akut marode oder sogar unsicher wären.
Vielmehr fasst die Stadt darunter unterschiedliche Prioritäten zusammen:
- vorbeugende Instandhaltung,
- mittelfristige Sanierungen,
- größere Erneuerungen,
- sowie einzelne Abschnitte mit tatsächlich erheblichem Schadensbild.
Der Begriff beschreibt somit den gesamten zukünftigen Sanierungsbedarf, nicht ausschließlich sofort notwendige Notmaßnahmen.
Geh- und Radwege stehen vor ähnlichen Herausforderungen
Auch die rund 400 Kilometer Geh- und Radwege zeigen einen zunehmenden Erhaltungsbedarf.
Typische Schäden sind:
- Wurzelaufbrüche,
- abgesackte Pflasterflächen,
- Risse,
- Stolperkanten,
- und beschädigte Bordsteine.
Gerade bei Gehwegen entstehen dadurch Sicherheitsrisiken für ältere Menschen, Menschen mit Mobilitätseinschränkungen oder Eltern mit Kinderwagen.
Brücken: Nicht akut einsturzgefährdet – aber wartungsintensiv
Besonders sensibel ist die Situation bei den Brücken.
In Cottbus gibt es insgesamt 87 Brückenbauwerke.
Davon:
- stehen vier Bauwerke unter besonderer Beobachtung,
- und bei über 80 Prozent besteht erhöhter Instandhaltungsbedarf.
Auch hier ist eine Einordnung wichtig.
Ein erhöhter Instandhaltungsbedarf bedeutet nicht, dass die Brücken einsturzgefährdet sind.
Brücken werden deutschlandweit regelmäßig nach der DIN 1076 geprüft. Werden Schäden festgestellt, reichen die Maßnahmen je nach Zustand von:
- Korrosionsschutz,
- Abdichtungsarbeiten,
- Betoninstandsetzung,
- Verstärkungen,
- bis hin zu langfristig geplanten Ersatzneubauten.
Nur ein kleiner Teil der Bauwerke weist dabei tatsächlich kritische Schäden auf.
Rund 500 Millionen Euro Investitionsbedarf
Nach Schätzungen beläuft sich der Investitionsrückstand im Straßen- und Brückenbereich auf rund 500 Millionen Euro.
Dem stehen derzeit lediglich rund 12 Millionen Euro jährlich für Sanierung und Neubau gegenüber.
Diese Zahlen verdeutlichen die Größenordnung des Problems.
Rein rechnerisch würde der Abbau des heutigen Rückstands bereits über 40 Jahre dauern – und zwar nur dann,
- wenn keine neuen Schäden entstehen,
- die Baupreise konstant bleiben,
- und sämtliche Mittel ausschließlich in den Abbau des Rückstands fließen würden.
In der Realität verschlechtert sich jedoch jedes Jahr ein weiterer Teil der Infrastruktur. Der tatsächliche Sanierungsstau wächst daher kontinuierlich weiter.
Einzelprojekte können ganze Jahresbudgets aufbrauchen
Wie groß die finanziellen Dimensionen inzwischen geworden sind, zeigt das Beispiel der geplanten Sanierung einer Bahnunterführung im Stadtteil Sandow.
Die geschätzten Kosten liegen bei rund 80 Millionen Euro.
Ein einziges Projekt würde damit ein Mehrfaches des jährlichen Investitionsbudgets verschlingen.
Solche Großvorhaben machen deutlich, weshalb Kommunen bei Infrastrukturprojekten häufig auf Förderprogramme von Bund oder Land angewiesen sind.
Geld allein löst das Problem nicht
Selbst wenn deutlich mehr Geld zur Verfügung stünde, blieben weitere Engpässe bestehen.
Dazu zählen insbesondere:
- Fachkräftemangel in Planungsbüros,
- fehlendes Personal in den Bauverwaltungen,
- begrenzte Kapazitäten der Bauunternehmen,
- lange Genehmigungs- und Vergabeverfahren.
Hinzu kommt die Entwicklung der Baupreise.
Seit den vergangenen Jahren sind Material-, Energie- und Personalkosten erheblich gestiegen. Dadurch können mit dem gleichen Budget deutlich weniger Projekte umgesetzt werden als noch vor einigen Jahren.
Sollte künftig einfacher gebaut werden?
Die Stadt diskutiert inzwischen auch über veränderte Ausbaustandards.
Dazu gehören beispielsweise:
- stärkerer Fokus auf Erhalt statt vollständigem Neubau,
- einfachere Straßenquerschnitte,
- kostengünstigere Bauweisen,
- Priorisierung besonders wichtiger Verkehrsachsen.
Diese Überlegungen sind grundsätzlich nachvollziehbar.
Allerdings dürfen kurzfristige Einsparungen nicht zu höheren Folgekosten führen. Wird beispielsweise am Oberbau oder an der Entwässerung gespart, können spätere Reparaturen erheblich teurer werden.
Eine sinnvolle Strategie besteht daher darin, je nach Bedeutung der Straße zu unterscheiden:
- Hauptverkehrsstraßen benötigen häufig langlebigere und belastbarere Bauweisen.
- Wohn- und Nebenstraßen können teilweise mit einfacheren Standards wirtschaftlich erhalten werden.
Welche Rolle spielen Bund und Land?
Viele Wirtschaftsverbände fordern zusätzliche Unterstützung durch Bund und Land.
Tatsächlich verfügen Kommunen nur über begrenzte eigene Investitionsspielräume.
Große Infrastrukturmaßnahmen lassen sich deshalb häufig nur mit Fördermitteln finanzieren.
Dabei gibt es jedoch einen wichtigen Punkt:
Förderprogramme stellen kein frei verfügbares Geld dar. Sie sind in der Regel an konkrete Förderzwecke, umfangreiche Antragsverfahren und Eigenanteile der Kommunen gebunden. Außerdem konkurrieren Städte und Gemeinden oft miteinander um begrenzte Fördertöpfe. Selbst wenn Fördermittel bewilligt werden, müssen Planungskapazitäten und Genehmigungsverfahren vorhanden sein, damit Projekte tatsächlich umgesetzt werden können.
Fazit: Cottbus steht vor einer langfristigen Infrastrukturaufgabe
Die Situation in Cottbus ist kein Einzelfall. Viele Städte und Gemeinden in Deutschland kämpfen mit denselben Problemen:
- jahrzehntelang aufgeschobene Investitionen,
- steigende Baukosten,
- Fachkräftemangel,
- alternde Infrastruktur,
- begrenzte kommunale Haushalte.
Die zahlreichen Baustellen in der Stadt zeigen zwar, dass investiert wird. Gleichzeitig machen die Zahlen deutlich, dass der Erhalt der bestehenden Infrastruktur derzeit kaum mit ihrem Alterungsprozess Schritt halten kann.
Die größte Herausforderung besteht deshalb nicht darin, möglichst viele neue Straßen zu bauen, sondern die vorhandenen Straßen, Brücken sowie Geh- und Radwege so frühzeitig zu erhalten, dass kostspielige Grundsanierungen möglichst vermieden werden. Genau darin liegt der Schlüssel, um den Sanierungsstau langfristig einzudämmen – auch wenn sein vollständiger Abbau in den kommenden Jahren realistisch kaum erreichbar sein dürfte.
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