Primär Cottbus: Gesundheitszentrum am Berliner Platz?
Cottbus geht in der ärztlichen Versorgung einen ungewöhnlichen Weg: Statt einzelner, über die Stadt verstreuter Praxen soll am Berliner Platz ein sogenanntes Primärversorgungszentrum (PVZ) mit dem Namen „Primär Cottbus“ entstehen. Der Prozess dazu läuft gerade erst an: Die Stadt hat im August 2026 eine Markterkundung gestartet, um bis Ende September 2026 herauszufinden, welche Träger überhaupt Interesse an einem Betrieb hätten. Es handelt sich also noch nicht um eine feste Zusage, sondern um einen ersten, unverbindlichen Sondierungsschritt.
Was ist ein Primärversorgungszentrum überhaupt?
Der Begriff klingt sperrig, das Prinzip ist simpel: Mehrere Gesundheitsberufe arbeiten unter einem Dach zusammen, statt dass Patientinnen und Patienten zwischen Einzelpraxen pendeln müssen. Kern ist eine dauerhafte hausärztliche Versorgung, ergänzt um Facharztangebote – für Cottbus sind das aktuell vor allem Kinder- und Jugendmedizin sowie Gynäkologie. Auf rund 1.000 Quadratmetern soll so ein Angebot entstehen, das angesichts des bundesweiten Ärztemangels die hausärztliche Versorgung in der Stadt langfristig absichern soll.
Wer macht eigentlich was im Team?
Besonders ist der Ansatz der „interprofessionellen Versorgung“: Ärztinnen und Ärzte sollen künftig enger mit anderen Gesundheitsfachkräften zusammenarbeiten, die in klassischen Praxen selten vorkommen. Damit das für Laien greifbar wird, hier eine kurze Übersetzung der Fachbegriffe:
- VERAH / NäPA: Speziell weitergebildete Arzthelferinnen und -helfer, die Hausbesuche übernehmen und den Arzt bei organisatorischen Aufgaben entlasten – sie ersetzen keine ärztliche Behandlung, sondern koordinieren und begleiten.
- Community Health Nurses: Pflegefachkräfte mit erweiterter Ausbildung, die eigenständig Beratung, Prävention und einfache Versorgungsaufgaben übernehmen, vor allem im häuslichen Umfeld.
- Physician Assistants und ANP (Advanced Nursing Practice): Akademisch ausgebildete Fachkräfte, die ärztlich delegierte Aufgaben in Diagnostik und Behandlung übernehmen dürfen – etwa das Vorbereiten von Untersuchungen oder das Verordnen bestimmter Maßnahmen nach ärztlicher Freigabe.
- Case Management: Eine Art Lotsenfunktion für Patientinnen und Patienten mit komplexeren Behandlungswegen, etwa bei mehreren beteiligten Fachrichtungen oder nach einem Krankenhausaufenthalt.
Dieses Modell ist keine Cottbuser Erfindung, sondern folgt einem Trend, der in der deutschen Gesundheitspolitik seit einigen Jahren diskutiert wird, um den Hausärztemangel abzufedern.
Auch die Außenbezirke sollen profitieren
Das Zentrum soll nicht nur die Innenstadt versorgen. Über Telemedizin und mobile Pflegedienste sollen auch die Stadtrandgebiete (Nord, Süd, Ost, West) angebunden werden. Zusätzlich ist eine Zusammenarbeit mit dem Rettungsdienst, dem Öffentlichen Gesundheitsdienst und dem Gesundheitsbüro für Migrantinnen und Migranten vorgesehen – ein Hinweis darauf, dass das Zentrum auch als Anlaufstelle für Menschen mit erschwertem Zugang zum Gesundheitssystem gedacht ist.
Forschungskooperation: Die MUL-CT ist kein ganz neuer Player
„Primär Cottbus“ soll mit der Medizinischen Universität Lausitz – Carl Thiem (MUL-CT) kooperieren und als Forschungspraxis für neue Versorgungsmodelle dienen. Die MUL-CT wurde am 1. Juli 2024 gegründet, als das kommunale Carl-Thiem-Klinikum Cottbus in Landesträgerschaft überging. Aktuell ist ist zu beachten, dass die Universität gerade erst richtig Fahrt aufnimmt: Der erste Modellstudiengang Humanmedizin mit 36 Studierenden startet zum Wintersemester 2026/27, finanziert über ein milliardenschweres Ausbauprogramm von Bund und Land bis 2038. „Primär Cottbus“ würde also an eine bereits laufende, aber noch im Aufbau befindliche Institution andocken.
Wer baut, wer betreibt?
Die Rollenverteilung ist klar geregelt: Die Stadt Cottbus koordiniert das Projekt, unterstützt bei Fördermittelanträgen aus dem Strukturwandel-Programm der Lausitz und stellt die Kontakte her – tritt aber selbst nicht als Arbeitgeberin oder Betreiberin auf. Wer das Zentrum tatsächlich führt, entscheidet sich erst nach der laufenden Markterkundung. Dieser künftige Betreiber schließt den Mietvertrag ab und finanziert den laufenden Betrieb ganz regulär über die gesetzlichen Krankenkassen – es handelt sich also nicht um ein rein städtisch finanziertes Angebot.
Ein Zeitplan – der mit Vorbehalt zu lesen ist
| Zeitraum | Was passiert |
|---|---|
| Aug.–Sep. 2026 | Markterkundung: Interessierte Betreiber werden gesucht |
| Q1 2027 | Antrag auf Investitionsmittel bei der ILB (Investitionsbank des Landes Brandenburg) |
| Q2 2027 | Geplanter Baubeginn / Umbau der Räume am Berliner Platz |
| Q3 2027 | Personalgewinnung und technische Vorbereitung |
| ab Q2 2028 | Geplante Eröffnung für Patientinnen und Patienten |
Aktuell (Stand Ende August 2026) befindet sich das Projekt in der allerersten Phase – der reinen Interessensbekundung. Alle Termine ab 2027 hängen von zwei Unsicherheitsfaktoren ab: der Bewilligung von Fördermitteln durch die ILB und dem tatsächlichen Baufortschritt. Bis ein Betreiber überhaupt feststeht, kann sich hier noch einiges verschieben. Wer sich für den Fortgang interessiert, sollte die für Ende September angekündigte Auswertung der Markterkundung im Blick behalten – erst dann wird klarer, ob und mit wem das Projekt tatsächlich in die nächste Phase geht.
Ausblickt
„Primär Cottbus“ ist ein ambitioniertes, aber realistisch getaktetes Vorhaben, das versucht, drei drängende Probleme gleichzeitig anzugehen: den Hausärztemangel, die Anbindung ländlicher Stadtteile und den Aufbau einer forschungsnahen Gesundheitsversorgung im Zuge des Strukturwandels. Bis zur tatsächlichen Eröffnung – frühestens Mitte 2028 – ist es aber noch ein weiter Weg, und der aktuelle Stand ist lediglich der erste von mehreren notwendigen Schritten.
Ansprechpartner für Rückfragen: Büro des Oberbürgermeisters der Stadt Cottbus/Chóśebuz, Stabsstelle Gesellschaftliche Grundsatzfragen. Weitere Informationen unter www.cottbus.de.
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